Jetzt wird’s kuschelig!

Knuddeln, schmusen, tätscheln – diese Wörter klingen sehr liebevoll und werden eben auch in solchen Kontexten verwendet. Aber wenn wir einmal in die Wortgeschichte schauen, geht es mitunter doch ziemlich brutal zu. Da wird gequetscht, geschlagen und gekratzt.

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Fangen wir an mit kuscheln. Es kommt vom Wort kuschen, das wir auch heute noch kennen. Wer unterwürfig ist und sich nicht wehrt, der kuscht. Dieses Verb wiederum ist entstanden aus einem Zuruf zu Jagdhunden: Kusch! Das bedeutet: ‘Leg dich (hin)!‘ Vorbild für den deutschen Befehl war das französische Wort couche mit der selben Bedeutung. Schauen wir noch weiter ins Lateinische zurück, stoßen wir auf collocare (ebenfalls ‘hinlegen‘).

Die Wörter knuddeln und knutschen bedeuteten ursprünglich ‘zusammendrücken, quetschen‘. Das trifft auf viele Wörter mit dem Anlaut kn- zu, wie wir zum Beispiel an knautschen erkennen können.

Unbekannt ist hingegen der Ursprung von hätscheln, das soviel wie ‘tätscheln‘ oder ‘wiegen‘ bedeuten kann. Aber da wir schon einmal bei tätscheln sind: In der Zeit des Mittelhochdeutschen gab es das Verb tetschen und das hieß ‘einen Schlag geben‘. Namensgeber hierfür ist das Geräusch, dass bei einem Schlag entsteht. Ebenso lautmalerisch sind tatschen und patsch. Ganz schön zärtlich, was?

In eine ganz andere Richtung führt das Wort schmusen. Das kommt aus dem Rotwelschen, was ein Sammelbegriff für Soziolekte gesellschaftlicher Randkulturen seit dem späten Mittelalter ist. Vorlage war das Verb schmußen ‘schwatzen‘. Heute gibt es in unserem Wortschatz noch das Wort Schmus für ‘Gerede‘. Blicken wir weiter in die Vergangenheit, landen wir schließlich bei hebräisch šĕmûạ̈ mit der Bedeutung ‘Gerücht‘.

So schön kosen auch klingen mag, so sehr es hat doch einen sachlichen Hintergrund. Im Althochdeutschen stand koson für ‘verhandeln, reden‘, dies wurde gebildet zu (auch althochdeutsch) kosa ‘Gespräch, Erzählung, Rechtssache‘. Hier können wir wieder einmal bis in die lateinische Geschichte reisen: Eine ‘Rechtssache‘ wurde mit causa bezeichnet, das Verb causare bedeutete ‘einen Grund vorbringen‘. Doch wie bei manch anderen Wörtern – man muss sich nur mal das Adjektiv geil ansehen – kann ein starker Bedeutungswandel entstehen. So geschah es auch mit diesem Wort: Vom sachlichen Gespräch entwickelte es sich zu ‘plaudern‘ und wurde dann vor allem in erotischen Kontexten verwendet. In der Schriftsprache war es zwischenzeitlich komplett ausgestorben, hat sich aber mündlich erhalten und wurde im 18. Jahrhundert wiederbelebt.

Wer gekrault wird, kann froh sein, dass das Wort nicht mehr dem Original entspricht. Denn kraulen kommt von krauen ‘mit gekrümmten Fingern kratzen‘. Da sind auch Krallen und krumm im Spiel. Führen wir das lieber nicht weiter aus.

Aus dem Wort streichen ist streicheln entstanden. Klar, einen Zusammenhang kann man irgendwie erkennen, doch der Unterschied ist wichtig. Das merkt man spätestens dann, wenn man beim Streicheln von Wänden erwischt wird. Es wird vermutet, dass das lateinische Verb stringere ‘berühren‘ etwas damit zu tun hat. Das würde ja passen. Eine weitere Bedeutung dieses Verbs ist ‘wegreißen‘. Das wäre dann weniger schön.

Schließlich endet der Exkurs bei küssen, das aus Kuss gebildet wurde. Hier haben wir es mit einer sprachlichen Nachahmung der Tätigkeit zu tun: Beim Kuss wird der Mund rund, genauso wie beim Sprechen des Vokals u. Da frage ich mich: Wie küssen bitte die Menschen aus dem englischen Sprachraum: mit breitem Mund, wie bei kiss?

Zusammenfassend kann man nun sagen, dass viele der so schön und zärtlich klingenden Wörter einen gewalttätigen Hintergrund haben. Also seid wachsam, wenn euch das nächste Mal wieder jemand küssen oder streicheln möchte.

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