Interview mit der Türmerin Martje Saljé (2)

Ich war ja neulich in Münster bei der Türmerin Martje Saljé zum gegenseitigen Interview. Wer es noch nicht mitbekommen hat, kann gern hier den ersten Teil des Interviews lesen. Und wer wissen möchte, was die Türmerin über mich schreibt, das könnt ihr hier in ihrem Blog lesen. Doch nun folgt hier der zweite Teil des Interviews.

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Beschreibe deine Zukunft mit drei Nomen. Hauptwörter.

Ach, guck. (beide lachen) Mmh. Habe ich Zeit zu überlegen? Wenn ja, wie lange?

Solange du möchtest.

(nach kurzer Bedenkzeit:) Glück. Zufriedenheit. Frieden.

Wow. Sehr schön. – Jetzt kommen wir in so ’n sprachlichen Bereich. Ist ja klar, ich hab‘ einen Sprachblog, ich muss Fragen zur Sprache stellen, und dein Name bietet dafür ja bestes Fundament. Ich hab‘ auch heute schon ein bisschen was gelesen, trotzdem würd‘ ich dich noch mal fragen, woher dein Vor- und dein Nachname kommen und was diese Namen bedeuten.

Auch an meinem Namen kann man übrigens gut sagen, was mich hier für diesen Job auch prädestiniert. Ich habe eine europäische Biografie. Und als Türmerin ist man ja auch Ansprechpartnerin für die internationale Presse, so dass es ganz praktisch ist, wenn man auch Fremdsprachen kann und dann eben die Journalisten aus aller Welt auch mit den richtigen Infos bestücken kann. Meine europäische Biografie hilft mir dabei, ich hab‘ ja schon gesagt, ich bin in Norwegen großgeworden. Das hat aber mit meinem Namen nichts zu tun. Mein Vorname ist friesisch, bedeutet ‚kleine Marta‘. Damals wussten sie eben nicht, wie groß ich werde. Und Saljé ist eben französisch-hugenottisch.

Gibt es eine Bedeutung von diesem Nachnamen?

‚Aus dem Königsgeschlecht der Salier stammend.‘

Das ist ja auch was sehr Ehrenwertes.

Absolut. Nehm‘ ich. (lacht)

Passt sehr gut zu dir und deinem Beruf. (lacht mit) – Die nächste Frage: Welche Sprachen sprichst du? Du hast ja schon gesagt, Französisch –

Naja, so richtig fließend natürlich erst mal Deutsch. Und das, was ich sonst so in der Schule gelernt habe, ist eben Französisch, Englisch und Spanisch ein bisschen – so gut, dass ich es sehr gut lesen kann, aber nicht so gut sprechen. Aber ich verstehe es auch, wenn Leute reden. Und ein Niederländisch-Zertifikat habe ich auf der Uni gemacht, weil ich immer mal dachte, dass ich dort auch mal studieren werde. Hat sich dann nie ergeben, aber es ist ja nicht umsonst, das mal gelernt zu haben. Jetzt kommen auch hier nach Münster immer viele Niederländer, mit denen ich mich dann wenigstens so radebrechend verstehen kann. Ich verstehe sie, aber wenn man es halt nicht selber jeden Tag spricht, ist es schwierig.

Ja. Dann zum Weihnachtsmarkt. Da kommen sie gerne. Wat lekker. – Und Norwegisch nicht?

Ja, Norwegisch auch, da brauche ich ein bisschen, um wieder reinzukommen, aber das ist die Sprache meiner Kindheit. Auch da: wesentlich besser verstehen als schreiben oder sprechen.

Und wenn du jetzt noch eine neue Sprache lernen würdest, welche wäre das?

Gute Frage. Polnisch.

Warum?

Erst mal, weil das total faszinierend klingt, das ist so musikalisch in meinen Ohren. Ich find das super. Die haben lange Wörter, die haben eine megaschwierige Grammatik. Außerdem ist es unser Nachbarland, das macht total Sinn, Polnisch zu lernen. Viele Polen können echt gut Deutsch und wenig Deutsche können richtig gut Polnisch und ich finde, man sollte da ein bisschen was tun. Polnisch ist cool.

Zur Völkerverständigung.

Absolut.

Was fasziniert dich an der deutschen Sprache?

Dass sie so vielfältig ist. Dass sich manchmal Leute aus Süden und Norden nicht verstehen, obwohl es eindeutig Deutsch ist. Oder auch ostdeutsche Slangs, Dialekte, die sind ja manchmal so unverständlich für unsere hochdeutschen Ohren, aber das ist so faszinierend, wenn man sich da mal reinhört, es klingt wie eine Fremdsprache, dabei ist es bloß eine Mundart. Find ich toll. Oder auch das Niederdeutsche, was es ja auch noch gibt und hier auch in Münster hochgehalten wird. Toll.

Auch da gibt es ja sehr viele verschiedene Formen –

Ja. Das Bremer Platt ist anders als das Oldenburger und dann wieder anders als das westfälische. Super.

Und hast du deutsche Lieblingswörter?

Ich habe ein plattdeutsches Lieblingswort, das ist Isenbahnboomupundaldreier.

Das ist ein Wort? Was heißt das?

Das ist ein Wort und das heißt: Eisenbahnbaum- – also diese Schranke – -hoch-und-runter-Dreher. Also ein Mann, der dafür verantwortlich ist, dass die Schranke rauf und runter geht.

Das ist sehr schön. Das lasse ich auch gelten. (beide lachen) – Ich weiß ja, dass du ab und zu mal meine Artikel liest, und ich weiß ja auch, ich schreibe nicht so oft Artikel, aber: Was wäre dein Wunschthema?

Vielleicht mal was über Platt.

Über Platt?

(zustimmend) Mhm.

Jo. Kann ich ja ma machen, nä?! (beide driften in ein Pseudo-Platt-Norddeutsch ab)

Jo. In Hamburch bisse ja auch anna Quelle.

Genau! (beide lachen und reden wieder wie sonst) Ich habe an der Uni gejobbt für das Niederdeutsche Institut, da ging es um Spracheinstellungen, Dialekte und das Plattdeutsche und wie empfunden wird von der Gesellschaft. Wie Leute Plattdeutsch wahrnehmen, also Plattdeutschsprecher und aber eben auch andere. Ist interessant.

Ist dir da der Wandel auch aufgefallen? Also mir ist so ein krasser Wandel aufgefallen. Dass es früher, sagen mir auch ältere Leute, dass es nicht angesehen war und dass sie immer zu hören gekriegt haben zuhause: „Sprich anständig! Sprich hochdeutsch! Das ist Straßensprech hier, das Niederdeutsche. Bitte nicht!“

Genau. Dadurch hat die Zahl der Sprecher auch stark abgenommen.

Und heute hat das wieder so einen Aufwind erfahren. Ich zum Beispiel in der Schule, ich habe auch so einen Vorlesewettbewerb noch immer gehabt, da bin ich dann zum Nachbarn gegangen, weil der noch richtig Platt sprach, habe ich bei dem noch Unterricht, Nachhilfe, bekommen. Sowas ist jetzt wieder total im Kommen. Oder auch die niederdeutsche Bühne, das wird auch total gut angenommen hier.

Für mich eine ganz neue Perspektive auf den Prinzipalmarkt.

Für mich eine ganz neue Perspektive auf den Prinzipalmarkt.

In der Grundschule musste ich auch noch ein plattdeutsches Gedicht auswendig lernen.

Kannst das noch?

Ja.

Sach ma!

Dat Pöggsken

Pöggsken sitt in’n Sunnenschien,

O, wat is dat Pöggsken fien

Met de gröne Bücks!

Pöggsken denkt an nicks.

Kümp de witte Gausemann,

Hät so raude Stiewweln an,

Mäck en graut Gesnater,

Hu, wat fix

Springt dat Pöggsken met de Bücks,

Met de schöne gröne Bücks,

Met de Bücks in’t Water!

(Ehrlich gesagt fehlte in der von mir vorgetragenen Version eine Zeile, deswegen habe ich hier mal das Originalgedicht von Augustin Wibbelt, hier gefunden, eingefügt.)

Hast alles verstanden, wa?

Ist das herrlich, ja! Toll!

Dat Pöggsken ist das Fröschchen, ja? Also hast du verstanden?

Ja!

Ja, wirklich? Ach, echt? Weil – ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das richtig mache.

Das Gedicht ist super! Da solltest du ’ne Platte von machen. Ein bisschen chillige Musik dahinter. Das könne ein Hit werden.

So ’n bisschen Bass – du kannst Musikinstrumente spielen, ich könnte singen.

Ja! Vielleicht wird daraus was! (beide lachen) Das hat Potenzial.

Ja, das sind die Originale. Hier wurden die so genannten Wiedertäufer „aufbewahrt“, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb.

Ja, das sind die Originale. Hier wurden die so genannten Wiedertäufer „aufbewahrt“, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb.

Ich habe nur noch zwei Fragen auf meinem Zettel, vielleicht kommen mir ja noch später andere Gedanken.

Gleich klingelt der Wecker. Sag ich dazu. (Den Wecker stellt Martje immer als Erinnerung an das bevorstehende Tuten.)

Ok, drei Minuten. Das schaffen wir, glaube ich. – Welches ist die bescheuertste Frage, die man dir in einem Interview stellen könnte?

„Wie ist das mit ‚m Klo? Gibt’s da oben ’n Klo?“

Möchtest du sie beantworten?

Nein. (lacht) Ja, doch, klar. Mittlerweile habe ich darüber auch schon öffentlich gesprochen, deswegen kann ich das Geheimnis auch lüften für die Öffentlichkeit. Es ist so, dass hier oben ein WC mit hochgebracht worden ist zu meinem Einstand 2014, und ich durfte mir aussuchen, was soll es für eins sein, für eine Campingtoilette. Ich habe mich dann für eine entschieden ohne Chemie, ohne zu berücksichtigen, dass es eigentlich ein besserer Eimer ist, den ich unten dann ausleeren müsste. Aber unten stehen die Leute und wissen, wann die Türmerin Feierabend hat, so dass ich mich dann dazu entschieden habe, nicht mit dem Eimerchen nach unten zu laufen, sondern das Eimerchen schön hier oben zu lassen. Katzenklumpstreu kenne ich von zuhause, ich habe zwei Miezen, Katzenklumpstreu ist super, Katzenklumpstreu biologisch abbaubar, schick in eine biologisch abbaubare Tüte, nach unten nehmen – weiß ja keiner, was drin ist. Also bis jetzt. Jetzt weiß die Öffentlichkeit auch: Wenn die Türmerin mit Tüte kommt, da ist Katzenklumpstreu drin. Passt schon.

Dann versuche ich noch schnell die letzte Frage, schaffen wir das noch? Ja, sieht gut aus. – Welche Frage würdest du dir in einem Interview wünschen? Welche Frage wurde dir noch nie gestellt?

Das weiß ich nicht, weil sie mir noch nie gestellt worden ist.

Was möchtest du den Menschen sagen, die meinen Blog lesen? Oder deinen Blog lesen? Unsere Blogs lesen?

Leute, die unsere Blogs lesen, die müssen auf jeden Fall auch den Blog, das Blog – geht beides, glaub‘ ich, ne? – Ja. – des anderen auch abonnieren und außerdem ist es total wichtig, die Tradition fortzusetzen. Die Tradition der Sprachen als auch die Tradition des Türmertums.

Das war’s. Und nun: Folgt der Türmerin von Münster!

Das ist ihr Blog: https://tuermerinvonmuenster.wordpress.com/

Bei Facebook postet sie hier: https://www.facebook.com/tuermerinvonmuenster

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