Interview mit der Türmerin Martje Saljé (1)

Auf Facebook hatte ich die Überraschung bereits angekündigt. Am 28. Mai traf ich mich mit Martje Saljé, der Türmerin von Münster zum gegenseitigen Interview. Mein persönliches Highlight! Warum? Erst einmal handelt es sich bei dem Beruf eines Türmers/einer Türmerin um einen ganz besonderen Job mit einer sehr langen Tradition. (In Münster gibt es Türmer – und jetzt die erste Türmerin – seit dem 14. Jahrhundert.) Zudem durfte ich auf den Lambertikirchturm, also auf den Turm meiner Lieblingskirche. Das ist einzigartig, weil das nicht selbstverständlich ist und da nicht jeder reindarf. Ha! Und – last but not least – habe ich Martje kennenlernen dürfen, was sich absolut gelohnt hat.

Wer vorab mehr wissen möchte über den Türmer-Beruf oder die Türmerin Martje Saljé im Speziellen, kann ja mal ’ne Runde googeln oder Martjes Blog oder ihre Facebook-Seite aufsuchen. Es lohnt sich!

Jetzt geht es aber los mit dem ersten Teil des Interviews – Fortsetzung folgt.

IMG_3400

André bei Martje in der Türmerstube nach Einnahme des Türmertees… 😉

Meine erste Frage wäre: Welche Verben beschreiben am besten deine Haupttätigkeiten innerhalb dieses Jobs?

Verben sind Tu-Wörter, ne?

Tu-Wörter, genau. (beide lachen)

Wachen, tuten und dann dieser ganze Kleinkram zwischendurch. Lesen, telefonieren, spielen, schreiben.

Spielen? Was spielst du?

Ich spiele Gitarre, ich spiele Quetschkommode, ich spiele Flöte, ich spiele – dies und das. Musik quasi.

Auch wenn ich das jetzt schon weiß, stelle ich die Frage trotzdem: Spielte deine Konfession eine Rolle, um diesen Job zu bekommen?

Absolut nein. Es war nicht Thema im Vorstellungsgespräch oder in den Vorstellungsgesprächen – derer gab es mehrere – und es ist ja auch ein städtischer Job, also öffentlicher Dienst, da darf sowas keine Rolle spielen, auch nicht ob ich männlich oder weiblich bin oder ob ich schwerbehindert bin, ist alles egal. Gleiche Chance für alle.

Ich habe erfahren, dass du dienstags frei hast, weil in der Geschichte nie ein Brand an einem Dienstag gesichtet wurde –

Und weil an einem Dienstag niemals Feinde erspäht wurden.

Wie nutzt du diesen freien Tag?

Manchmal kommt es vor, da laufe ich dann los zum Turm, zur Zeit wie immer, und merke dann erst: Oh, es ist ja Dienstag! Schade! Und dann passiert erst mal nix, bis ich mir dann eine alternative Abendplanung überlege. Aber zu tun gibt es eigentlich immer.

Dann möchte ich noch mal bei den Feinden ansetzen. Denn es gehört ja zu deinen Aufgaben, Feinde zu erspähen. Wie erkennst du diese Feinde?

Ich denke, ich erkenne sie dann, wenn es soweit ist. Da vertraue ich einfach drauf. Es ist ja so, dass dieser Beruf hier in Münster alle möglichen Veränderungen schon durchlaufen hat im Laufe der Jahrhunderte. Es ist nicht mehr das Gleiche, was ich tue, was der Türmer 1383 getan hat. Aber die Kernaufgaben – das ist nämlich nach Feuer gucken und nach Feinden gucken – die sind geblieben. Dazu diese ganzen anderen Sachen, die die damals getan haben – Straße fegen, Gerichtsstätte von Knochen und Innereien säubern, nachdem der Scharfrichter gewaltet hat oder auch die Totenglocke läuten bei Hinrichtungen – gut, das fällt jetzt heutzutage alles weg, das macht der Türmer nicht mehr. Ein Glockenspiel gibt es auch nicht mehr, das ist irgendwann abgeschafft worden, aber alles andere bleibt eben noch, die beiden Kernkompetenzen.

Könntest du ein paar Wochen Urlaub machen? Gibt es eine Vertretung für dich?

Ja! Es ist das schöne im öffentlichen Dienst, dass diese Stadt dann trotzdem bewacht ist, wenn ich Urlaub habe, und trotzdem getutet wird.

Wer macht das?

Das ist der wichtigste Mann im Hintergrund, dessen Identität ein Restmysterium bleiben muss. Der hat meinen Vorgänger auch schon vertreten, der macht das schon ganz lange, der weiß, wie man tutet und worauf es zu achten gilt, und er ist einfach superverlässlich und er ist auch sehr gerne oben im Turm. Ich habe ihn gefragt damals, als die Stelle neu ausgeschrieben wurde: Warum hast du dich nicht beworben als Türmer, als Haupttürmer? Da sagte er, nee, er ist ja selbstständiger Geschäftsmann, jeden Abend könnte er das nicht. Er hat ja sein eigenes Geschäft, das klappt irgendwie hinten und vorne nicht. Aber es ist trotzdem so reizvoll, dass er eben froh ist, diese Stellung als Vertretungstürmer – heißt das bei uns – noch zu behalten. Das ist sehr gut.

IMG_3390

Blick vom Turm auf den St.-Paulus-Dom

Das heißt, er winkt nicht so runter wie du?

Macht er auch und wenn man genau hinguckt, dann sieht man auch den Unterschied. (beide lachen)

Bist du hundertprozentig glücklich mit deinem Job oder gibt es Momente, in denen du gern „türmen“ möchtest?

Ich bin hundertfünfzig Prozent glücklich! Und ich türme ja dann, wenn Feierabend ist, und dann kehre ich ja auch wieder zurück – das nennt man auch türmen, habe ich gelernt. „Türmen“ bedeutet auch „sich in Sicherheit bringen“, in einen Turm, nämlich einen „Bergfried“.

Ah, dann türmst du also schon, gewissermaßen.

Genau! (beide lachen)

Welche drei Adjektive – also Wie-Wörter (André zwinkert) – charakterisieren die berufliche Türmerin am besten?

Verlässlich, glücklich und – ja, da müsste ich jetzt nachdenken. Fällt dir was ein?

Sympathisch.

Danke! Nehm ich!

Gibt es rund um deinen Job eine Anekdote, die in Verbindung steht mit einem sprachlichen Hintergrund?

Ja, vielleicht. Also, es gibt ja hier die Nachtwächterführungen, die einzig wahren. Es gibt mehrere Gästeführervereine und ein Gästeführerverein beansprucht für sich eben die einzig wahre Nachtwächterführung zu machen, und die sind verhaftet so um das 17. Jahrhundert herum, als es ja einen männlichen Türmer gegeben hat. Das heißt, wenn sie dann die Leute hier rumführen, und dann sagen die immer „mein Kollege, der Türmer“, wissen aber gleichzeitig, das ist ja eigentlich Quatsch. Da haben manche so ein kleines Problem. Und dann sagen sie auch manchmal „mein Kollege, die Türmerin“. (André lacht) Wenn ich das manchmal höre, dann muss ich so schmunzeln.

Ist vielleicht die Tradition und die –

Genau. Er muss ja auch in der Rolle bleiben. Wenn er sie für einen Moment verlässt, ist es ja ok, aber dann findet er auch schnell wieder zurück.

Ja, sehr schön. (schmunzelt)

Spektakulärer wird es dann, wenn er sagt: „Da oben wohnt jetzt ein Weib und Weiber gehören zum Wäsche waschen an die Aa… Da wünsche ich mir dann doch, dass ich den Nachttopf ausleeren darf, so dumme Sprüche da.

Ja, da würde ich dann gleich mal eine Frage vorziehen, das passt nämlich vielleicht ganz gut. Die Frage stammt von meinem Vater, der hat nämlich heute gesagt: „Ja, wenn du da bist, dann kannste ja noch mal ’ne Frage stellen.“ Er hat mich darüber informiert, dass der Focus zusammen mit Sozialwissenschaftlern herausgefunden hat, dass Münster die frauenfreundlichste Stadt NRWs ist –

Exakt!

Bundesweit auf Platz 9. Kannst du das nachvollziehen?

Ja, habe ich ja am eigenen Leibe erfahren. Dass ich nun mal eine Frau bin und dass es keine Rolle gespielt hat, das empfinde ich schon als, ja, freundlich mir gegenüber, meiner Person. Und dann ist es ja auch so bei Münster Marketing, das ist ja mein Arbeitgeber, da arbeiten extrem viele Frauen, da haben wir echt einen deutlichen Frauenüberschuss, und trotzdem verstehen wir uns alle. – Ich habe überhaupt den Eindruck, dass es sich hier gut leben lässt, als Frau. Absolut.

(Fortsetzung im kommenden Artikel.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s