Beim Überfahren überfahren

Bildschirmfoto 2016-01-25 um 18.04.14Die Vorsilbe über- ist ganz toll. Die kann nämlich sowohl betont als auch unbetont sein. Dann kommt da gleich eine andere Bedeutung bei heraus. Zum Beispiel heißt überfahren, dass ich vielleicht auf einem Fluss von einer Seite auf die andere gelange: Ich fahre über den Fluss. Liegt die Betonung auf der zweiten Silbe, heißt es überfahren und dann kommt vermutlich jemand ums Leben: Ich überfahre das Kaninchen. Auch so:

  • Ich überziehe mein Konto (überziehen). Ich ziehe eine Jacke über (überziehen).
  • Wir überwerfen uns wegen Kleinigkeiten (überwerfen, ‚in Streit geraten‘). Ich werfe einen Schal über (überwerfen).
  • Ich überlasse dir mein Hab und Gut (überlassen). Ich lasse dir ein Stück Pizza über (überlassen).

Das wirkt sich dann auch auf die Partizipien aus:

  • Ich habe mein Konto überzogen. Wir haben uns überworfen. Ich habe dir mein Hab und Gut überlassen.
  • Ich habe eine Jacke übergezogen. Ich habe einen Schal übergeworfen. Ich habe dir ein Stück Pizza übergelassen.

Genauso toll wir über– ist übrigens um-. Da ist es genauso:

  • Ich umreiße das Thema meiner Masterarbeit in wenigen Worten (umreißen, ‚etwas knapp, grob und mit den wichtigsten Punkten darstellen‘).
  • Ich reiße alles um, was mir in die Quere kommt (umreißen, ‚durch Gewalt zum Umfallen bringen‘).

Zu Missverständnissen kann es im Grunde nicht kommen, weil selbst im Infinitiv der Kontext zeigt, wie das Wort zu betonen ist:

  • Ich muss mein Konto überziehen.
  • Ich soll das Thema umreißen.

Hier dürfte klar sein, dass niemand versucht, sich mit einem Konto zu bekleiden oder ein Thema zum Sturz zu bringen. Überlassen ist da allerdings flexibler: Wenn jemand mir in einer Nachricht schreibt, dass er mir ein Stück Pizza überlassen möchte, dann kann ich selbst überlegen, ob er es mir nur ‚übrig‘ lässt oder sogar – etwas feierlicher – überlässt.

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4 Kommentare zu “Beim Überfahren überfahren

    • Kann man nicht. Der relevante Unterschied liegt darin, dass das eine Präfixverben und das andere Partikelverben sind. Präfixverben sind nicht trennbar und bei ihnen liegt der Akzent auf dem Stamm des Verbs. Präfixe sind zum Beispiel be-, ent-, ver-. Beispiel:

      beweisenich beweise (nicht: *ich weise be)

      Partikelverben dagegen sind trennbar und sie tragen den Akzent auf der Partikel. Partikel sind beispielsweise an, auf, ein. Beispiel:

      anschalten: ich schalte an (nicht: *ich anschalte)

      Die Vorsilben um- und über- (übrigens auch unter-, durch-, wider- und hinter-) können zu beiden Kategorien gehören. Sie haben somit unterschiedliche Funktionen. Das ist der Grund, warum die Verben dann anders „funktionieren“.

    • Jein. Nicht die Betonung verändert das Verb, sondern die Funktion. Vielleicht hilft dir meine Antwort auf Ludgers Frage. Aber in jedem Fall kann man an der Betonung erkennen, ob es trennbar ist oder nicht.

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