Für alles ein Wort?

Bildschirmfoto 2015-11-20 um 12.15.25Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass die deutsche Sprache für jeden Furz ein eigenes Wort hat. Müsste dann nicht der deutsche Wortschatz wesentlich größer sein, als der von anderen Sprachen?

Der Wortschatz der deutschen Standardsprache, auch zentraler Wortschatz genannt, umfasst etwa 75.000 Wörter. Betrachtet man den Gesamtwortschatz, so kommt man – je nach Quelle – auf bis zu 500.000 Wörter. Im Englischen soll es bis zu 600.000 Wörter geben, im Französischen nur ca. 300.000. Leiden die Franzosen etwa an Wortmangel?

Nein, die wesentlich geringere Zahl liegt an der Sprachstruktur: Durch Komposita können wir im Deutschen lange Wörter bilden wie zum Beispiel Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung. Ich erspare euch jetzt lieber die Übersetzung – weil ich auch keine Ahnung habe –, aber vermutlich käme als Lösung eine Verkettung von Kombinationen mit de (wörtlich ‚von‘) und Adjektiven heraus. Ein – geringfügig – kürzeres Beispiel:

  • Wohnzimmer / living roomsalle de séjour
  • Badezimmer / bathroom = salle de bains

Das Französische setzt auf Kombinationen, so wie auch die anderen romanischen Sprachen. Während Badezimmer oder bathroom nur aus einem Wort besteht, ist salle de séjour dreiteilig. Jetzt könnte man daraus schließen, dass die Franzosen mehr Wörter haben müssten. Ist aber nicht so!

Mit salle kann ich viele neue Wortkombinationen bilden:

  • salle d’attente = Wartesaal/Wartezimmer
  • salle funéraire/mortuaire = Leichenhalle
  • salle d’allaitement = Stillraum
  • salle polyvalente = Mehrzweckraum
  • salle commune = Gemeinschaftsraum/Klubraum
  • salle d’armes = Rittersaal/Waffenkammer

Und so weiter. Und der jeweils hintere Teil in den französischen Beispielen dient wieder als Basis für andere Wortbildungen. So kann ich mit weniger Wörtern + de/Adjektiv viele neue bilden.

Jedenfalls, um noch einmal darauf zurückzukommen, hat das Englische sogar ein paar mehr Wörter als das Deutsche. Das liegt daran – so lautet ein Erklärungsansatz –, dass viele Wörter aus anderen Sprachen entlehnt werden: Latein, Altgriechisch, Französisch, skandinavische Sprachen. Da Englisch auf der Welt viel und von Nicht-Muttersprachlern gesprochen wird, steht es viel im Kontakt zu anderen Sprachen. Da kann schon mal das ein oder andere Wort hinüber hopsen.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis zu den Wortschatzzahlen: Hier ist bisher nur die Rede von Wörtern, die auch in Wörterbüchern zu finden sind. Dort ist natürlich nicht alles aufgenommen. Ein Sprachwissenschaftler hat eine computerbasierte Untersuchung gemacht und für das Deutsche 5,3 Millionen Wörter (Zeitraum der Quellen: 1994–2004) gefunden. Das ist der Hammer, oder? (Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es übrigens nur etwa 3,7 Millionen – da soll noch mal jemand behaupten, die deutsche Sprache würde verkümmern…)

Aber keine Angst, man muss nicht alles kennen, was es gibt. Laut einem anderen Sprachwissenschaftler beträgt der aktive Wortschatz eines gebildeten Muttersprachlers mit höherem Bildungsabschluss etwa 10.000 Wörter, der eines ungebildeten immerhin noch 5.000. Manchmal ist bekanntlich weniger mehr. Doch klar ist auch: Je präziser wir ausdrücken können, was wir denken oder fühlen, desto zufriedener macht es uns. Für das Deutsche gilt das ganz besonders.

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4 Kommentare zu “Für alles ein Wort?

  1. Sehr schöner Aufsatz! Danke!

    Was du mit „salle“ ja auch schon angesprochen hast, ist die Doppeldeutigkeit einzelner Wörter: So ist z.B. eine Decke ist nicht nur zum warm halten da oder nicht alles was normal ist entspricht der Mehrheit. Unfair? Ein Wort, mehrere Bedeutungen? Gezählt wurden sie wohl einfach, oder? Bei den drei von Dir genannten Sprachen habe ich den Eindruck, je weniger Wörter es gibt, umso mehr Mehrfachbedeutungen scheint es zu geben. Was vielleicht auch ein Grund dafür ist, dass Deutsch für Englisch-Natives schwerer zu erlernen ist als umgekehrt. Oder eben Französisch.

    Und: Je mehr Unterschiede „benötigt“ werden, umso mehr Wörter gibt es dann dafür: Beispiel: Verschiedene Worte für die Farbe „weiß“ gibts halt bei den Eskimos (ups! ein No-Go-Wort!) mehr als bei uns. Warum? Vielleicht weil durch mehr vorhandenem Weiß (=Schnee) mehr Unterschiede notwendig wurden. „Verstecke dich mal hinter dem weißen Hügel dort“ ist vielleicht zu unpräzise.

    lg aus Wien, Ralf

    • Gern geschehen, lieber Ralf! 🙂

      Wie genau gezählt wurde, kann ich nicht beantworten. Es heißt, es würden die Lexeme gezählt, also Wörterbucheinträge. Das müssten dann bei „Decke“ mindestens zwei sein.
      Dass Deutsch so schwer für „Englisch-Native“ zu lernen ist, dürfte vor allem an Artikeln und Deklinationen liegen. Von einem zu drei Artikeln zu wechseln ist für einen Engländer beispielsweise schwieriger als für jemanden, der aus seiner Sprache zumindest schon zwei Artikel kennt.

      Ganz recht: Die Dinge, deren Unterscheidung von besonderer Wichtigkeit sind, müssen auch differenzierter benannt werden. Die Inuit (ups! – ein politisch korrektes Wort!) haben andere Bedürfnisse als wir. So etwas kann nicht nur örtlich bedingt sein, sondern sich auch zeitlich ändern. So scheint bei uns zum Beispiel die feinere Unterscheidung zwischen Farben in den letzten Jahrzehnten zugenommen zu haben, vielleicht aus modischen Gründen. Früher kannte man blau und grün, dann kam irgendwann türkis hinzu. Jetzt sprechen wir von petrol, zyan, azur und aquamarin.

  2. Danke für den guten Artikel! Hier noch ein paar Ergänzungen:
    Neben der Struktur ist sicher auch das Alter einer Sprache ein wesentlicher Faktor für deren lexikalische Vielfalt. So haben Kulturen, die auf eine längere Geschichte der Lexikographie zurück blicken, einen deutlich größeren Wortschatz, als solche, die erst kürzlich ihre eigene Sprache haben. Das Chinesische z.B. hat über die Jahrtausende (knapp drei seit es dort Schriftzeugnisse gibt) einen viel größeren Wortschatz aufgebaut, als das Thailändische oder Vietnamesische. Dass ein Großteil davon heute weder allgemein bekannt ist noch gebraucht wird, ist eine andere Sache.
    Ebenso haben Sprachen, die von mehr Menschen verschiedener Kulturen gesprochen werden, einen größeren Wortschatz, weil mehr Aspekte der wahrgenommenen Wirklichkeit sprachlich differenziert werden müssen – verschiedene Klimate, Vegetationen etc. Gleiches gilt natürlich auch für eine Kultur, die diachron verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen ist.
    Und schließlich ist auch die Menge der Register (also Verwendungskontexte), die für eine Sprache existieren, ein wesentlicher Faktor ihrer lexikalischen Komplexität. Deshalb haben die meisten Dialekte z.B. keinen so großen Wortschatz, wie die entsprechende Hochsprache.

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