Wer muggelt, ist ein Tallmatz! – Verschwundene Wörter (1)

Wie im letzten Artikel angekündigt geht es heute um zehn Wörter, die vor langer Zeit ausgestorben sind. Genau genommen um die ersten fünf, um die Textmenge im Zaum zu halten. Im heutigen Duden stehen diese toten Wörter schon lange nicht mehr, aber Jacob und Wilhelm Grimm führten sie in ihrem Wörterbuch. Ja, die Brüder Grimm waren nicht nur Märchenschreiber, sondern auch Sprachwissenschaftler. Mit ihrem Deutschen Wörterbuch (DWB) begannen sie ab dem Jahr 1838 (zur digitalen Fassung).

An dieser Stelle vielen Dank an Ludger und Sören für ihre Kommentierung unter dem letzten Artikel! Ich werde eure Überlegungen miteinbeziehen. Nun aber los:

aderkauen

Ludger assoziiert es mit Knutschfleck. Das müsste dann allerdings ein ganz heftiger sein, vielleicht der eines Vampirs. Aber die Sache verhält sich anders, denn aderkauen ist ein altes Wort für ‚wiederkäuen‘. Der Wortteil ader- hat nichts mit Blutbahnen zu tun, sondern leitet sich vom altgriechischen Wort für ‚wieder‘ ab.

gebeitsam

Wenn einer (ge)beiten musste, der musste ‚warten‘. Wer gebeitsam war, der war ‚geduldig wartend‘. Klar, dass wir das Wort heute nicht mehr brauchen – wo wir alle so gestresst und busy sind (Substantiv: Gebeitsamkeit).

Tallmatz

Die Endung -matz ist mir durchaus bekannt aus den Wörtern Piepmatz (‚Vogel‘) und Hosenmatz (‚kleines Kind‘). Ludger denkt an einen Lulatsch (‚großer, schlaksiger Mann‘ – apropos: ist euch auch schon mal aufgefallen, wie komisch das Wort schlaksig aussieht?!). Auch als Tallmann oder Tallsack bekannt gewesen, handelte es sich bei einem Tallmatz um einen ’stammelnden, albernen Kerl‘ sowie eine Figur aus Teig, die vermutlich auch albern aussah. Ich stelle mir da sowas vor wie einen Stutenkerl (siehe Foto), kann damit aber auch falsch liegen.

By Micha L. Rieser (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Stutenkerl roh und gebacken: By Micha L. Rieser (Own work), via Wikimedia Commons

muggeln

Harry-Potter-Kenner in meinem Umfeld schrien gleich auf: „Muggels sind doch die, die nicht zaubern können!“ Das mag ja sein, und Muggel als Substantiv steht deswegen auch seit 2004 im Duden als „Person, die nicht in etwas eingeweiht ist, die von bestimmten Dingen keine Kenntnis hat“ (engl. mug, ‚Trottel‘). Ludger denkt an sich anpassen oder mogeln. Sören fällt Dittsche ein, der ein Bier muggelt (‚trinkt‘, vielleicht ‚gemütlich trinkt‘) und es sich gern muggelig (‚angenehm‘, ‚gemütlich‘) macht. Tut mir Leid, diese norddeutsche Variante von muckelig – ebenfalls „dudenfern“ – bezeichnet nicht das gesuchte Wort muggeln. Aber dieses gab es ebenfalls in der Form muckeln und hieß soviel wie ‚undeutlich reden, murmeln‘. Das ist verwandt mit den heutigen Wörtern (auf)mucken, Mucks und mucksmäuschenstill, die alle damit zu tun haben, dass man einen Ton von sich gibt oder die Stimme erhebt (oder eben nicht). Mit den bisher genannten (heutigen) Bedeutungen von muggeln oder Muggel hat das also nichts zu tun.

zickus

Bei Zickus an eine männliche Ziege zu denken, ist ein schlauer Gedanke, lieber Ludger. Dann würde an Zick(e) die lateinische Endung -us gehängt und fertig ist der ‚Ziegenbock‘. Aber so einfach ist es nicht, zumal das gesuchte Wort ein Adjektiv ist, dessen Geschichte bis zurück ins Lateinische geht. Als caecus startete es und landete in verschiedenen Sprachen, z. B. als cieco (italienisch) oder ciego (spanisch). Im Deutschen wurde es zu zickus. Dann jedoch setzte sich ein synonymes Wort mit germanischer Geschichte gegen zickus durch, und zwar blind.

Die Fortsetzung folgt im nächsten Artikel mit den verschwundenen Wörtern schlurkenBofel, BohumkeQuicker und rax.

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