Genderei und andere Schandtaten

*Es tut mir leid. Ich werde nie ein guter Linguist. Ein perfekter Linguist beobachtet Sprache und Sprachbemühungen, er bewertet sie nicht, sondern analysiert sie nur. Ich gebe mir wirklich viel Mühe, ehrlich. Aber ich scheitere.

Wenn ich perfekt wäre, würde ich nicht von perfekten Linguisten sprechen, sondern von perfekten Linguist/innen, nein, perfekten LinguistInnen, ach, perfektxs Linguistxs – oder so ähnlich. Gut bemerkt, in diesem Artikel geht es thematisch um die Bestrebungen, die Sprache zu gendern (also geschlechtergerecht zu machen) oder vielleicht auch schon wieder zu entgendern.

Warum sind diese Bemühungen so stark? Studien haben gezeigt, dass Frauen sprachlich unterrepräsentiert sind: Wenn ich im generischen Maskulinum von Lehrern, Beamten oder Terroristen spreche, dann stellen sich die Menschen darunter hauptsächlich Männer vor und das ist ungerecht. Dann kamen immer mehr Formen wie Ärzt/innen oder Ärzt(innen), bis man (bzw. frau) feststellte, dass der Bindestrich oder die Klammern etwas Trennendes haben und die Frau damit sprachlich zweitrangig bleibt. So wechselten immer mehr Leute, die wissenschaftlich oder behördlich arbeiteten, zu ÄrztInnen und GästInnen. Das große Binnen-I sollte das Trennende vermeiden. gapIn Vorlesungen an der Uni habe ich es selbst erlebt, dass die Begrüßung GästInnen verwendet wurde, wobei das I nicht sonderlich betont wurde. Ich fühlte mich nicht angesprochen und habe dann verstanden, wie Kommilitoninnen sich fühlen müssen, wenn sie mit liebe Studenten angesprochen werden. Denn die Formen, die dann folgten, waren so etwas wie Lehrende und Studierende. Im generischen Mix-Plural, so dachten sie, müssten sich doch alle angesprochen fühlen. Pustekuchen! Auch hier, so pfeifen es die Spätzinnen von den Dächern, würden vorrangig Männer assoziiert. Außerdem, so sieht ja nunmal die Realität aus, gibt es auf der Welt nicht nur zwei Geschlechter, sondern auch einiges dazwischen. Das wollten sie dann mit dem Gender Gap deutlich machen, einer Lücke zwischen Wortstamm und Endung, die mit einem Unterstrich gefüllt wird: Ärzt_innen. Die Lücke sollte zeigen: Es gibt noch mehr dazwischen. Den gleichen Zweck erfüllt das Gender-Sternchen: Ärzt*innen. Aber das war dann immer noch nicht das Gelbe vom Ei. Die neusten Vorschläge für eine gendergerechte Sprache, die ich kenne, sehen so aus:

Studierx, Lehrx, Professx (x gesprochen wie ix), im Plural: Studierxs, Lehrxs, Professxs (xs gesprochen wie ixes)

Diese Formen sollen den Wörten jegliches Geschlecht entziehen und somit neutral sein. Das kann dann auch konsequent auf bestimmte (dix) und unbestimmte Artikel (einx) angewendet werden. Mehr Ideen in dieser Richtung sind in dieser PDF enthalten.

xsSprache kann diskriminierend sein. Sprache kann nicht immer die Realität widerspiegeln. An diese beiden Punkte glaube ich schon. Aber die bisherigen Bestrebungen haben – meiner Meinung nach – keinen Aussicht auf Erfolg. Denn, ja, ich finde das sehr anstrengend und verwirrend. Vor allem für Leute, die Deutsch lernen wollen. Das heißt nicht, dass ich gegen eine Veränderung und gegen mehr Gerechtigkeit in der Sprache bin. Das heißt nur, dass für mich die bisherigen Ideen nicht überzeugend sind.

Der Blick in andere Sprachen zeigt, dass es auch dort Ideen für eine höhere sprachliche Gerechtigkeit gibt:

  • Spanisch: Die Endungen -os für Maskulinum Plural und -as für Femininum Plural werden vermischt zu -@s: „¡Mis agradecimientos a tod@s l@s compañer@s de Internet en el Aula!“ (gefunden hier). Aus todos los compañeros (‚alle Freunde, Mitschüler‘) wird tod@s l@s compañer@s gemacht. Der Klammeraffe, also das @-Zeichen wird als eine Mischung aus a und o wahrgenommen und soll die Geschlechtergrenzen auflösen.
  • Englisch: Feministinnen meinen, dass woman wie eine Ableitung von man aussieht. Um sich davon zu trennen, schufen sie die Form womyn und für den Plural wimmin.
  • Schweden: Aus meiner Sicht ein gelungenes Vorhaben ist die Kreation eines neuen Personalpronomens. Die schwedische Sprache kannte bislang nur die Pronomen han für er und hon für sie. Jetzt wurde eine dritte Form offiziell in die schwedische Wortliste mit aufgenommen: hen. Aber hen bedeutet nicht das gleiche wie das deutsche es. Denn hen ist zwar eine geschlechtsneutrale Form, die aber dennoch einen Menschen und keine Sache bezeichnet. Sie wird verwendet, wenn das Geschlecht keine Rolle spielt oder unbekannt ist. Auch zur Bezeichnung von Transsexuellen bietet es sich an.

Ich halte das schwedische hen deswegen für gelungen, weil es kurz und damit unkompliziert ist. Da können sich deutsche Sprach_bast*lerixs mal eine Scheibe von abschneiden.

Wer abschließend noch ein bisschen Ironie benötigt, schaut mal hier.

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2 Kommentare zu “Genderei und andere Schandtaten

  1. Das klingt ja wie bei uns in Gallien! Allerdings sind Lehrix, Studierix und Professorix allesamt männliche Dorfbewohner.

  2. Hallo!

    Aus linguistischer Sicht bin ich ganz klar gegen das Gendering. Wieso? Weil man zwischen Genus und Sexus unterscheiden muss (Das Problem fängt aber schon in der Schule an, wo Genus mMn unglücklicherweise Geschlecht bezeichnet wird). Das Genus von bspw. Student ist maskulinum und das Sexus war jahrelang kontextabhängig männlich oder weiblich und männlich, diese zweite Interpretation wird aber jetzt in Frage gestellt. Dass Sprache aber nicht geplant werden kann und sich nicht durch Vorschriften entwickelt, wurde in der Vergangenheit ja zur Genüge gezeigt.
    Man vergisst bei dieser Diskussion, dass es ein generisches Maskulinum in vielen Sprachen gibt, auch in Sprachen nicht-patriarchischer Gesellschaften, die Annahme, dass das generische Maskulinum (bzw. generell das maskuline Genus) eine default-Einstellung und nicht Ausdruck von Sexismus ist, scheint aber nur wenigen Nicht-Linguisten in den Sinn zu kommen.
    Was halten die Verfechter des Genderings eigentlich vom Dyirbal (indigene Sprache), die eine Nominalklasse (Genus) hat, das Frauen, Feuer und gefährliche Dinge umfasst? Sexistischer Kackscheiß!!! 😉

    Ich mag dein Blog sehr gerne, weiter so!

    Liebe Grüße

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