Stadtteilmobilität in Hamburg

DStadtrundfahrter Verein Historische S-Bahn Hamburg e. V. bietet ab und zu ganz besondere Stadtrundfahrten an und ermöglicht den Mitreisenden, „Hamburg aus ungewohnter Perspektive“ zu erleben. Auf dem Werbeplakat für eine Fahrt am 11. Mai 2014 ist folgender Satz zu lesen:

Auf der Fahrt erhalten Sie fachkundige Erläuterungen zu den durchfahrenden Stadtteilen, den Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke und über die befahrenen Bahnlinien.

Ein Leser ist dabei über etwas gestolpert und hat deswegen das Foto und folgenden Kommentar dazu eingereicht: 

[…] warum ist es eigentlich so schwierig, solche Sachen richtig zu machen: Durchfahren → durchfahren(d)en. Da gibt es ja ne Menge Beispiele für. Gibt es irgendeine Bezeichnung für Wörter, mit denen das passiert? Und gibt es bei der S-Bahn Hamburg (oder wer auch immer Urheber des auf dem angehängten Foto abgebildeten Werbezettels ist) keinen kundigen Fehlerfinder?

Jetzt haben wir nämlich den Salat: Es ist immer so laut, wenn die Stadtteile bei mir vor der Haustür durchfahren. Und ein durchfahrender Stadtteil (Hamburg hat immerhin mehr als 100 davon) ist sowieso blöd, weil dann niemand zusteigen kann. Nun gut, wenigstens passt dieses Vorgehen bestens zur Bahn (man denke nur an die durchfahrenden ICE-Züge in Wolfsburg).

Vielen Dank für die Anfrage. Dann will ich mal sehen, inwieweit ich diese Fragen – ich habe drei entdeckt – beantworten kann.

Warum es so schwierig ist, das richtig zu machen?

Keine Ahnung.

Ob es eine Bezeichnung für Wörter gibt, mit denen das passiert?

Hier fällt die Antwort nicht so kurz und schon gar nicht einfach aus. Zunächst einmal handelt es sich im Beispiel um ein Partizip, das vom Verb durchfahren abgeleitet ist:

  • Ein durchfahrender Stadtteil (Partizip Präsens) besitzt die Fähigkeit zur selbstständigen Fortbewegung.
  • Ein durchfahrener Stadtteil (Partizip Perfekt) ist total passiv und muss die Durchfahrt über sich ergehen lassen.

Es handelt sich also um eine Verwechslung der Partizipien, die vermutlich aufgrund der Ähnlichkeit zwischen den beiden Formen entsteht. In anderen Fällen würde die vertauschte Nutzung von Partizipien deutlich stärker ins Auge springen:

  • das singende Lied (statt das gesungene Lied)
  • mein liebendes Fahrrad (statt mein geliebtes Fahrrad)
  • das legende Kartenblatt (statt das gelegte Kartenblatt)
  • der grabende Tunnel (statt der gegrabene Tunnel)
  • der fixierende Patient (statt der fixierte Patient)
  • das erzählende Märchen (statt das erzählte Märchen)
  • das empfehlende Restaurant (statt das empfohlene Restaurant)
  • das dazuverdienende Geld (statt das dazuverdiente Geld)

Wenn das Partizip Perfekt nicht mit der Vorsilbe ge- gebildet wird, wenn es auf ein starkes Verb zurückgeht und wenn der Vokal im Verbstamm gleich bleibt, dann ist die Verwechslungsgefahr allerdings hoch:

  • die empfangenden Gäste (statt die empfangenen Gäste)
  • das vergessende Geschenk (statt die vergessenen Geschenke)

So viele Beispiele fallen mir dazu gerade nicht ein, aber vielleicht mag jemand von euch noch etwas im Kommentar ergänzen. Aber wollen wir mal nicht die dritte Frage vergessen:

Ob es bei der S-Bahn Hamburg keinen kundigen Fehlerfinder gibt?

Diese Frage konnte ich natürlich nur durch Kontaktaufnahme beantworten. Somit richtete ich folgende Frage an die Geschäftsstelle des Historischen S-Bahn Hamburg e. V.:

Guten Tag,

in der Ausschreibung für den 11. Mai ist einem meiner Leser aufgefallen, dass Sie von durchfahrenden Stadtteilen schreiben. Mir ist neu, dass es Stadtteile in Hamburg gibt, die selbstständig fahren können. Kommt Ihnen das nicht suspekt vor?

Wie es aussieht, handelt es sich gar nicht um einen Fehler, denn die Antwort, die ich bekam, fiel folgendermaßen aus:

Guten Tag zurück,

hatten Sie nicht auch schon öfter das Gefühl, der Zug bewegt sich gar nicht, stattdessen gleitet die Landschaft an Ihnen vorbei? Diesen Effekt wollen wir jetzt mit dem Museumszug wiederholen. Sicherheitshalber werden wir aber dennoch auch die Motoren in Betrieb halten, falls es wider Erwarten nicht so gut klappt mit den „durchfahrenden Stadtteilen“;-)

Stimmt. Ich hatte bei manchen meiner Touren mit der Bahn das starke Gefühl, dass der Zug sich nicht voran bewegt. Nur das mit der vorbei gleitenden Landschaft muss ich verpasst haben.

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2 Kommentare zu “Stadtteilmobilität in Hamburg

  1. Lol, die haben das wirklich so gemeint! Großartig… bloß keine Fehler eingestehen… 😉
    Was hältst du von der Machtergreifung des Bindestriches? 😉 Hab dazu grad einen Beitrag verfasst. 😀

  2. Ja, du hast es geschafft: Ich habe deinen Artikel gelesen. 😉 Dass der Bindestrich immer häufiger wird, ist ein interessantes Phänomen, genauso wie die komplette Getrenntschreibung, wie ich sie auch immer häufiger finde (à la Hunde Welpen statt Hundewelpen). Aber was ich noch viel bemerkenswerter ist, dass immer häufiger notwendige Kommas einfach weggelassen oder an bislang nicht dafür vorgesehene Stellen gesetzt werden. Doch zum Glück gibt es Regeln zur Zeichensetzung, die auch für alle frei zugänglich sind. Also einfach mal Regeln checken! 😉

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