Wie deutsch sind unsere Weihnachtslieder?

„Die gute, deutsche Sprache verlottert! Wehret den Anglizismen! Erhaltet das deutsche Sprachgut!“

noteSo oder ähnlich rufen es die Panik-Spatzen von den Dächern. Unsere Sprache wird von vielen Deutschen gerade wegen des umfangreichen Wortschatzes sehr geschätzt. Dieses große Repertoire an Wörtern haben wir der Tatsache zu verdanken, dass Deutschland (bzw. das Gebiet, auf dem Deutsch in seinen verschiedenen Sprachstufen gesprochen worden ist) in sprachlicher Hinsicht schon immer ein Einwanderungsland gewesen ist. Wörter aus fremden Ländern kamen hierher gereist, ließen sich nieder und wurden integriert. Den meisten davon merkt man nicht einmal an, dass sie aus einer anderen Heimat kommen.

Wer also jetzt noch meint, unser Deutsch müsse vor Anglizismen und anderen fremdländischen Begriffen bewahrt werden, der lese bitte weiter.

Ich werde nun das Lieblingsweihnachtslied der Deutschen unter die Sprachlupe nehmen, laut dieser Studie von 2007 handelt es sich dabei um „Stille Nacht, heilige Nacht“. Ein Viertel der Deutschen liebt diesen Smash-Hit der besinnlichen Tannenbaumzeit. Hier die erste Strophe:

Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh,
Schlaf in himmlischer Ruh.

Die unterstrichenen Wörter stammen allesamt aus dem Mittelniederländischen, dem Vorläufer der heutigen niederländischen Sprache:

traut < druut
Paar < paer
Ruhe < roe
(Zwischenstufen sind hier nicht berücksichtigt)

Auf Platz 2 der Weihnachtslieder-Charts liegt „Leise rieselt der Schnee“. Wie steht es denn hiermit?

Leise rieselt der Schnee,
Still und starr liegt der See,
Weihnachtlich glänzet der Wald:
Freue Dich, Christkind kommt bald.

Auch hier kommen wir gesanglich nicht um zugewanderte Wörter herum, wieder aus dem Mittelniederländischen stammen leise < lise und freuen < vrowen. Wer Angst vor Wörtern fremden Ursprungs hat, darf getrost dieses Liedchen trällern:

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie grün sind deine Blätter:
du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
O Tannenbaum, o Tannenbaum,
wie treu sind deine Blätter!

In diesen Zeilen fand ich kein Wort aus einer anderen als der deutschen Sprache. Doch Obacht sei geboten: Bitte nicht über die erste Strophe hinaus singen, denn da geht es schon wieder los. Es sei denn, ihr möchtet auf die schönen Wörter erfreuen, wollen, Hoffnung und Trost verzichten.

Glücklicherweise müssen wir nicht so verbissen sein und können uns über die sprachlichen Einwanderer freuen. Ohne jegliche Einflüsse von außen sähe unsere Sprache – im wahrsten Sinne des Wortes – ganz schön alt aus.

Entspannte und glückliche Festtage euch allen!

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