Gehörnte Redewendungen

Eine Frau, die so geschickt fremdgeht, dass ihr Ehemann davon keinen Wind bekommt, setzt ihm quasi Hörner auf. Wer sich hingegen jene abstößt, sammelt fleißig Erfahrungen in Liebesdingen. Haben diese Redewendungen eine gemeinsame Herkunft? Beziehen sich die Hörner jeweils auf den selben Ursprung?

Nein.

Jemandem (die) Hörner aufsetzen erfreut sich – wie viele andere Redewendungen – mehrerer Erklärungsansätze:

  1. Duden sagt: „[…] dem verschnittenen Hahn setzte man zur Kennzeichnung die abgeschnittenen Sporen in den Kamm, wo sie fortwuchsen und eine Art von Hörnern bildeten“. Was ist denn bitte ein „verschnittener Hahn“?  Verschneiden ist das deutsche Pendant zum Fremdwort kastrieren und klingt meines Erachtens nach missglückter Operation – autsch! (Hauptsache, der Friseur verschneidet sich bei eurem nächsten Besuch nicht…) Ein kastrierter Hahn heißt übrigens Kapaun. Man schnitt ihm – als wäre ein Eingriff nicht genug – auch noch die Sporen (Einzahl: Sporn), seine hornartigen Krallen an der Ferse, ab. Diese setzte man dem Hahn in seinen Kamm, sie wuchsen dort weiter und sahen dann aus wie Hörner. Warum aber nun gerade dieser Akt als Vorlage für die Redewendung dienen soll, leuchtet mir nicht ein. Schließlich kastriert die Frau ihren Mann ja nicht gleich, nur weil sie ihn betrügt. Vielleicht, weil sie damit einem anderen statt dem Gatten die Chance zur Fortpflanzung gibt? No sé.
  2. Verschiedene Fabeln und Sagen berichten, dass dem Mann ein Horn auf der Stirn wächst, wenn seine Frau Gattin sexuelle Abenteuer mit anderen Herren bestreitet. Dies könnte durchaus auch die Herkunft der Redewendung sein.
  3. Die von mir favorisierte Erklärung meint: Wenn man jemandem tatsächlich Hörner aufsetzt, sieht er aus wie ein Ochse. Und der Ochse steht für Dummheit und Naivität. Man(n) muss also ein „Hornochse“ sein, um vom Treiben der eigenen Frau nichts mitzubekommen.

Nun von den aufgesetzten zu den abgestoßenen Hörnern. Sich die Hörner abstoßen wird offiziell eher so definiert, dass man „durch Erfahrungen besonnener“ wird und „sein Ungestüm in der Liebe ablegt“ (Duden). Ich kannte das eher im Sinne von ’sich sexuell ordentlich ausleben, bevor man sich auf ewig an einen Menschen fesselt‘. Glücklicherweise ist hier die Redewendungsherkunft eindeutig:

Bis ins 18. Jahrhundert gab es einen Brauch, bei dem sich neue Studenten zur Aufnahmefeier als Böcke verkleiden mussten. Die Hörner auf dem Kopf sollten sie an einer Tür oder Säule abstoßen, um „dadurch symbolisch [die] tierische Vorstufe hinter sich zu lassen“ (Duden). Schließlich sind Hörner ein Kennzeichen für den männlichen Trieb – und diesen galt es als strebsamer Student abzulegen.

Wahrscheinlich gibt es diesen Brauch deswegen jetzt nicht mehr, weil sich die heutigen Studenten sowieso nicht mehr davon ins Bockshorn jagen ließen…

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