Von Schwulitäten und warmen Brüdern

André, Du Held der deutschen Sprache,

aus irgendeinem Grund fiel mir heute nach langer Zeit das Wort „Schwulitäten“ wieder ein. Mein Vater hat das früher immer mal benutzt, heutzutage höre ich es aber praktisch nie. Solltest Du es nicht kennen: Es bedeutet so etwas wie „Schwierigkeiten“, entsprechend sagt man „in Schwulitäten geraten“. Als ich mich gerade gefreut hatte, das Wort zufällig wiedergefunden zu haben, stockte ich plötzlich und dachte darüber nach, ob es möglicherweise politisch unkorrekt ist. Folgerichtig kamst Du mir in den Sinn – und zwar als Blogautor, um das klarzustellen. Die Frage ist also, wo die Schwulitäten herkommen und ob ich sie aufgrund ihrer Entstehung endgültig aus meinem Wortschatz streichen muss.

Es erfreut mich doch immer wieder, was ich durch die Recherchen für meine Blogartikel dazulerne. So ist mir schon aufgefallen, dass schwul und schwül ja vom Schriftbild recht ähnlich sind. Auch was die Bedeutung betrifft – wenn man an die Bezeichnung warmer Bruder denkt –, kann man sich durchaus eine Verwandtschaft vorstellen. Und siehe da – schwul und schwül kommen tatsächlich aus einer (heißen) Familie! Das niederdeutsche (plattdeutsche) Wort swūl eroberte als schwul den hochdeutschen Wortschatz, anfangs noch mit der Bedeutung ‚drückend heiß‘. Weiterhin vermutet man, dass schwul deswegen in schwül umgewandelt wurde, weil es dann ähnlich wie die Temperaturangabe kühl klingt. Nachdem dies passiert war, bekam schwul die neue Bedeutung homosexuell (im 19./20. Jahrhundert).

Es waren die Studenten des 18. Jahrhunderts, die die Schwulitäten (im Pseudo-Latein auch Schwulibus) im Sinne von ‚Bedrängnis, Bange‘ kreierten. Wem sehr heiß ist, der fühlt sich mitunter auch beklommen. Schwulitäten sind heiße, bedrängende Situationen. Die Bedeutung ist entstanden, bevor schwul als ‚homosexuell‘ aufgefasst wurde. Du kannst also beruhigt in verbale Schwulitäten geraten, ohne damit jemanden zu diskriminieren.

Interessant ist aber auch, welche Attibute die einzelnen Sprachen mit dem Schwulsein verbinden. Das Deutsche ja anscheinend Wärme oder Hitze. Im Englischen dagegen ist gay für ’schwul‘ aus der Bedeutung ‚fröhlich, vergnügt‘ (frz. gai, ital. gaio) entstanden – das klingt nach glücklichen Partygängern. Auch das Wort queer (’schräg, quer‘) steht hoch im Kurs – zunächst als schwulenfeindliche Beschimpfung, dann aber von der homosexuellen Gemeinde ins Positive umgewandelt (auch wenn es in Großbritannien auch noch immer zur Beleidung dient). Queer steht heute nicht nur für Schwule und Lesben, sondern für alle, die von der sogenannten Heteronormativität abweichen.

Die Vielfalt der Bezeichnungen von Schwulen ist groß: Schwuppe, Schwuchtel, Schwester sind nur einige der Wörter mit Schw-. Da fällt mir ein, dass auch das Münsteraner Masematte, ein größtenteils ausgestorbener Dialekt des Rotwelschen, ein Wort für homosexuelle Männer kennt; Tokusmalocher setzt sich zusammen aus Tokus für ‚Arsch‘ und Malocher für ‚Arbeiter‘. Den Rest kann man sich denken. Politisch korrekt ist das zwar nicht gerade, aber irgendwie trotzdem lustig.

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