Ausgezeichnet!

Lieber Sprachpabst,

früher ging ich zur Schule. Das ist lange her. Aber etwas, das mich damals wunderte, irritiert mich noch heute. Beim Englischunterricht lernt man Englisch vom Englischlehrer. Der Chemielehrer lehrt Chemie in der Chemiestunde (was ich ziemlich öde fand). Aber dann: Wir hatten Zeichenunterricht beim Zeichenlehrer. Ich hörte, das ist noch immer so. Lehrt dieser Lehrer etwa Zeichen deuten? Oder Zeichen zeichnen? Wieso heißt das denn nicht Zeichnenlehrer und Zeichnenunterricht?

Meine Schule ist dieses Problem einfach umgangen, indem sie daraus den Kunstunterricht gemacht hat. In meiner ersten Ausbildung hatte ich Technisches Zeichnen (nicht Technisches Zeichen) – also gab es auch hier keine Schwierigkeiten.

Klar, ein Zeichenlehrer könnte natürlich mal seiner Bezeichnung nachkommen und die mysteriösen Zeichen deuten, die uns so tagtäglich begegnen. Oder auch ein Zeichen setzen, zum Beispiel für mehr Frieden in der Welt (oder auch innerhalb des Schulkosmos). Aber nee, das tut er nicht und zwar aus gutem Grund:

Unser heutiges Verb zeichnen hieß zur Zeit des Mittelhochdeutschen noch zeichenen, das e hielten die Sprecher vermutlich für überflüssig und – schwupps (laut Duden übrigens nur mit einem p) – war’s weg. Dennoch wurde der Verbstamm zeichen- genutzt, um mit ihm neue Wörter zu bilden, wie bei Zeichenblock, Zeichenlehrer, Zeichenunterricht. Bei anderen Verben wird ja in der Regel auch nur der Stamm zur Bildung neuer Wörter verwendet, schließlich heißt es nicht Bügelnbrett, Nähenmaschine und Strickenzeug. Dies ist meine erste Idee dazu, wie es gewesen sein könnte.

Denkbar ist aber auch, dass der Zeichenlehrer nicht aus dem Verbstamm, sondern dem Nomen Zeichen entstanden ist. Denn Zeichen und zeichnen sind tatsächlich verwandt, weil zeichnen nichts anderes als ‚Zeichen machen, mit Zeichen versehen‘ bedeutet. Nun muss ich aber noch ein bisschen weiter ausholen. Im Mittelhochdeutschen wurde das Genitivattribut häufig vor das zugehörige Subjekt oder Objekt gestellt, was wir heute fast nur noch mit Eigennamen machen:

  • Merkels Frisur
  • Bielefelds Nichtexistenz

Früher ging das auch mit anderen Nomen, gleich dazu ein paar (unbelegte, aber denkbare und nicht immer ernstzunehmende) Beispiele. Links steht das Nomen mit nachgestelltem Genitivattribut, hinter dem Doppelpunkt das Nomen mit vorangestelltem Genitivattribut (wie es im Mittelhochdeutschen gemacht worden wäre) und zuletzt das Kompositum (die Zusammensetzung). Daran kannst du auch auch gleich erkennen, dass die Komposita so entstanden sind:

  • die Frisur der Damen: der Damen Frisur = die Damenfrisur
  • das Frühstück der Herren: der Herren Frühstück = Herrenfrühstück
  • der Wagen der Kinder: der Kinder Wagen = der Kinderwagen

So dann auch:

  • der Lehrer der Zeichen: der Zeichen Lehrer = der Zeichenlehrer

Das wäre nun also mein zweiter Erklärungsversuch gewesen und zugleich der letzte, den ich für realistisch halte. Also wünsche ich alles Gute und weiterhin viel Spaß beim ausgezeichneten Zeichen zeichnen!

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2 Kommentare zu “Ausgezeichnet!

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