Der vollgeschriebene Verfasser

Beruflich lese ich ja unausweichlich viele im aufgeblähten Kanzleideutsch verfasste Schreiben. Verbreitet ist dabei die Vermeidung des Personalpronomens „ich“. (Ok, der Satz war jetzt auch in Kanzleideutsch verfasst, ich meine natürlich: Dabei ist es verbreitet, das Personalpronomen „ich“ zu vermeiden.) So bezeichnet sich der Verfasser häufig als „der Unterzeichner“. […] Statt „Unterzeichner“ wird auch gerne von dem „Unterzeichnenden“ gesprochen. […] Jetzt zu meiner Frage: Nicht selten findet sich auch die Formulierung „der Unterzeichnete“. Dies löst in mir das Bild eines vollgemalten Menschen aus. Der mit einem Unterschriftstattoo versehene Verfasser, nicht bloß vom Leben, sondern auch durch seine eigene Feder gezeichnet. Trügt mein Sprachgefühl oder ist die Formulierung schlicht falsch?

Das will ich mal der Reihe nach durchgehen. Mit dem Unterzeichner dürften wir die geringsten Probleme haben. Aus der Tätigkeit unterzeichnen wurde einfach ein Täter gemacht, -en kommt weg, -er wird drangehängt – fertig (ja, auch die Großschreibung kommt hinzu). So wie man aus lehren einen Lehrer machen kann. Die Zeit spielt dabei keine Rolle, Unterzeichner und Lehrer sind sie grundsätzlich, unabhängig von dem, was sie augenblicklich tun.

Weiter geht es mit dem Unterzeichnenden. Das Partizip I, also die nd-Form, beschreibt etwas, das gerade passiert:

  • Ich will keine schlafenden Hunde wecken.
  • Rolf rennt röchelnd.
  • Die Schwitzenden genießen den Aufguss in der Sauna.

Die Hunde schlafen in dem Moment, in dem ich an ihnen vorbei komme. Sie sind keine generellen „Schläfer“. Rolf muss auch von Natur aus kein „Röchler“ sein, wir wissen nur, dass er beim Rennen röchelt. Auch die schwitzenden Saunabesucher sind nicht zwangsläufig „Alltagsdauerschwitzer“. Genau genommen müsste also der Unterzeichnende gleichzeitig sowohl den Text verfassen als auch seine Unterschrift darunter setzen. Multitasking de luxe. Doch ganz so eng wird das heute anscheinend nicht mehr gesehen. An vielen Universitäten spricht man inzwischen ja auch nicht mehr von Studenten, sondern von Studierenden, unabhängig davon, ob diese tatsächlich gerade büffeln, in der Sonne liegen oder die letzten Vorbereitungen für den EM-Startschuss treffen.

Bei dem Unterzeichneten hingegen ist schwerer nachzuvollziehen, warum auch diese Form möglich ist. Hier haben wir es mit dem Partizip II zu tun, dass wir beispielsweise so verwenden:

  • Julia denkt an ihren Angebeteten.
  • Der geliebte Romeo nimmt sich das Leben.

Romeo ist der Angebetete, er wird von Julia angebetet. Der geliebte Romeo wird von Julia geliebt. Dann ist also der Unterzeichnete derjenige, der unterzeichnet wird? Das scheint doch sehr seltsam, wo doch eigentlich der Text und nicht dessen Autor unterzeichnet wird.

So ergeht es dem Unterzeichneten.

Aber „falsch“ kann diese Form nun auch wieder nicht sein, denn im Online-Duden findet sich der Unterzeichnete mit dem Hinweis: „Bedeutung Unterzeichner“ (Link). Also habe ich meine Recherche vertieft und herausgefunden, dass der Unterzeichnete eine ältere Variante aus der Zeit ist, als unterzeichnen noch reflexiv gebraucht wurde. Was?

  • sich verlieben – die verliebte Julia, die Verliebte
  • sich vergnügen – das vergnügte Liebespaar, die Vergnügten

Dann also auch veraltet:

  • sich unterzeichnen – der unterzeichnete Insolvenzverwalter, er unterzeichnet sich, der Unterzeichnete

Sich unterzeichnen kann demnach erklärt werden mit sich unter den Wisch setzen, also seinen Namen. Das sagt kaum noch ein Mensch, aber in Rechtstexten wird es offenbar (noch) gern genutzt – obwohl sich diese, wenn auch nicht immer um Verständlichkeit, so doch zumindest um Eindeutigkeit bemühen.

Hochachtungsvoll

der unterzeichnende, unterzeichnete Unterzeichner

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Ein Kommentar zu “Der vollgeschriebene Verfasser

  1. Pingback: Goethe und die Rechtschreibreform | Sprachlupe

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