Dehnungsvokale gegen Zerrungen

Heute geht es um ein Phänomen, das in Süddeutschland gänzlich unbekannt sein dürfte – das sogenannte Dehnungs-e. In einigen Regionen wird auch vom westfälischen Dehnungs-e gesprochen, doch es ist auch in Norddeutschland vertreten. Wovon ich rede? Davon:

  • Soest [‚zo:st]
  • Coesfeld [‚ko:s.fɛlt]
  • Bad Oldesloe [‚bat.ˀɔl.dəs.’lo:]
  • Itzehoe [ɪ.tsə.’ho:]

Die e werden nicht mitgesprochen, sondern sie „machen“ die Vokale (hier: die o) lang. Das trifft auch beim a in Raesfeld [‚ra:s.fɛlt] und u in Buer [bu:ɐ̯] (Gelsenkirchener Stadtteil) zu. Doch das Dehnungs-e ist heute nur noch in Eigennamen enthalten, so auch z. B. in den Nachnamen Fuest und Huesmann.

Ein mancher mag das ja seltsam finden, obwohl das Dehnungs-e in der Standardsprache hinter e (wie in See) und i (wie in Liebe) sehr häufig vorkommt. Das spricht man ja auch nicht mit, sonst hieße es Se-e und Li-e-be, wobei noch im Mittelhochdeutschen (1050 – 1350) das e in liebe mitgesprochen wurde.

Wer soll da noch durchblicken im sprachlichen Dschungel Deutschlands? In Süddeutschland so, in Nord-/Westdeutschland so – und dann nicht einmal da konsequent. Denn es gibt ja auch Uelzen und Laboe, die wie sülzen und Böe klingen. So ist es nun einmal, unsere Sprache hat sich weiter entwickelt und wurde genormt – da hat das Dehnungs-e heute keinen Platz mehr.

Aber ich möchte euch nicht vorenthalten, dass es noch viele weitere nicht-standardsprachliche Möglichkeiten gibt, Vokale zu dehnen, z. B. mit einem i wie in Voigt und Grevenbroich. Auch Duisburg besaß früher das i nur zur Verlängerung und wurde wie Duhsburg ausgesprochen. Weiterhin ist auch das c in ck im nord- und westdeutschen Raum ein Vokalverlängerer. So werden die Vokale vor ck in Eigennamen wie Buddenbrock, Dortmund-Brackel und Buckow lang gesprochen. Das war ursprünglich bei Lübeck genauso, doch heute sprechen die meisten Leute das e kurz. Auch bei Mecklenburg hat der Prozess von langem zu kurzem Vokal längst begonnen.

Die Stadt Hamburg hat 1949 versucht diesem Trend entgegenzuwirken, indem die Orts- und Stadtteilnamen auf -beck umbenannt wurden. Diese Endung wird in der Hansestadt nämlich auch mit langem Vokal gesprochen. Das wollten die Hamburger auch am Schriftbild deutlich machen und haben das c gestrichen, wie in den Stadtteilen Barmbek und Fischbek. Ob die Idee sich langfristig als gelungen erweist, wird sich zeigen. Denn ich meine inzwischen schon häufiger das kurze e zu hören…

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4 Kommentare zu “Dehnungsvokale gegen Zerrungen

  1. Prima erklärt, vielen Dank. Der Besuch aus dem Süden wollte unbedingt Wissen waren wir Oldesloe und Itzehoe anders aussprechen als Laboe.
    Nun kann ich es erklären in Danke sehr dafür. Super !!

  2. Wirklich gut erklärt, doch wieso wird der rheinische Stadtname MOERS als „Mörs“ ausgesprochen? Keine Regel ohne Ausnahme?!

    • Wie schon im Artikel gesagt, ist die Benennung nicht konsequent. Ich vermute, dass es mit der Geschichte zusammenhängt, die den Städtenamen zugrunde liegt. So hieß Soest früher Sosat, Coesfeld leitet sich ab von Kô-isa-feld (‘Feld an einem Kuh-Bach‘) und Itzehoe von Ekeho bzw. de Ezeho. In all diesen älteren Namen ist der entsprechende Vokal ein o. Bei Moers hingegen sieht das anders aus: Erstmals erwähnt wird die Stadt als Murse, hier gibt es kein o, sondern ein u. Das es dann mit ö gesprochen wurde, mag vielleicht mit der niederländischen Schreibweise Moeurs liegen.
      Aber du siehst schon – das sind alles nur Spekulationen.

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