Deutsch – eine “würde”-volle Sprache?

Ich habe mal den süffisanten Ausspruch gehört: „Deutsch ist eine Würde-lose Sprache!“ – Also nicht: Mich würde interessieren, ob „würde“ hier richtig ist, sondern: Mich interessierte (oder so), ob „würde“ richtig ist. Würdest du das mal untersuchen? „Untersuchst du das mal?“ beinhaltet in meinen Augen nicht die damit verbundene höfliche Bitte. „Untersuchtest du das mal?“ sagt ja keiner, geschweige denn dass einer das verstünde. ;-)
Ich meine auch schon Fälle gehabt zu haben, bei denen es nicht ohne „würde“ ging, kann das sein? Beispiele: „Ich würde empfehlen / sagen…“, „Ich würde gern einen Gang über den Send machen“, „Ich würde dich abholen“  oder „Dazu würde ich eine Kopie legen / einen Weißwein trinken.“ (als Ratschlag).

Ja, es ist wahr – viele Leute versuchen uns noch heute weiszumachen, der Gebrauch von würde sei unangemessen und verpönt. Dazu kann ich nur sagen: Die Zeiten haben sich geändert. Heute gibt es so einige sprachliche Situationen, in denen die würde-Form dem “klassischen Konjunktiv” sogar vorzuziehen ist. Wie in deinem genannten Beispiel:

  1. Untersuchst du das mal?
  2. Untersuchtest du das mal?
  3. Würdest du das mal untersuchen?

Völlig richtig hast du bemerkt, dass in Satz 1 keine Höflichkeit ausgedrückt wird. Dafür sind die Sätze 2 und 3 zuständig, die beide im Konjunktiv II (Konjunktiv Präteritum/der Vergangenheit) stehen. Problematisch am 2. Satz ist jedoch seine Missverständlichkeit:

  • Untersuchtest du das mal?
  • Hast du das mal untersucht?

Der Konjunktiv II gleicht in diesem Fall der Imperfektform von untersuchen. Ich könnte dann davon ausgehen, dass du mich gar nicht um eine Untersuchung bittest, sondern wissen möchtest, ob ich in der Vergangenheit schon mal eine derartige gemacht habe. Wer richtig verstanden werden möchte, sollte sich hier für die würde-Form entscheiden. Hinzu kommt, dass der Konjunktiv II (so wie das Imperfekt) immer mehr veraltet und in einigen Situationen ziemlich gestelzt daher kommt (s.u.).

In den weiteren Beispielen, die du oben nennst, wurde früher ebenfalls der Konjunktiv II gebraucht:

  • Ich empfähle dir zu kommen, wenn du es mit eigenen Augen sehen möchtest.
  • Ich machte gern einen Gang über den Send, wenn du mich begleitetest. (Anmerkung: Send ist der Name der Münsteraner Kirmes, so wie der Dom in Hamburg.)
  • Ich holte dich ab, wenn du es wünschtest.
  • Dazu tränke ich an deiner Stelle einen Weißwein.

Aber hier wird uns das Greisenalter des Konjunktiv II besonders bewusst und wir vergessen seine Formen. Mal ehrlich, wärt ihr darauf gekommen, dass empfähle oder empföhle die richtigen Konjunktiv-II-Formen sind? Ich hatte da zuerst *empfiehlte stehen, was es leider gar nicht gibt (aber immerhin auf über 6.600 Google-Treffer kommt). Der Siegeszug von würde ist eindeutig und nachvollziehbar, da man bei seinem Gebrauch über Unregelmäßigkeiten nicht mehr nachdenken muss, einfachere grammatikalische Strukturen schafft und Mehrdeutigkeiten vermeidet. Doch für alle Melancholiker und Konjunktiv-Liebhaber hier noch ein paar schöne Sätze (die ich allerdings – vor allem, was die gesprochene Sprache betritt – als veraltet bezeichnen würde bzw. bezeichnete):

  • Wenn sie könnten, flöhen sie in ein anderes Land.
  • Ich führe nicht mit der Bahn, wenn ich pünktlich sein wollte.
  • Hülfest du mir bei den Hausaufgaben?
  • Spielte ich Counter-Strike, schösse ich nur in die Luft.
  • Wenn mein Kind sich so verhielte, schälte/schölte ich es. (schälte kommt von schelten, nicht von schälen – ein lebensgefährliches Missverständnis!)
  • Die Rechnung vom Fernseher hübe/höbe ich bis zum Ablauf der Garantie auf.
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Ein Gedanke zu “Deutsch – eine “würde”-volle Sprache?

  1. In der Schriftsprache versuche ich zwar “würde” zu vermeiden, aber das beruhigt ja mein schlechtes Gewissen, wenn es mal nicht klappt bzw. sich dann einfach ungewöhnlich anhörte.

    Es ist doch schön, dass es so viele Themen gibt, die hier erörtert werden wollen! Ich bin gespannt auf das nächste!

    Gruß aus Münster!
    Ludger

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